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Meine Scheffelrede anlässlich der Abiturfeier 2009 des GSG Lebach

„Rabits 09 - alte Hasen und Versuchskaninchen“ – so lautet unser Abimotto. Im Zusammenhang mit dem Doppeljahrgang aus G8- und G9-Schülern ergibt das ein hübsches Wortspiel im Nagetierjargon. Doch hinter dieser Phrase stecken weit mehr als ein paar unterschiedlichaltrige Abiturienten, die es zeitgleich hinter sich haben – sie versinnbildlicht einen Jahrgang, wie er heterogener nicht sein könnte. Auf der einen Seite nämlich steht das auslaufende Gymnasium in neun Jahren, eine Schülergeneration, der Onkels und Tanten auf Familienfeiern auf die Schulter klopften und sie zur „schönsten und sorgenfreisten Zeit ihres Lebens“ beglückwünschten. Und auf der anderen Seite das neue Turboabitur, eine Schülergeneration der Zukunft, deren von der Politik anvisierte Aufholjagd im Pisa-Kampf der Nationen von den Vokabeln Effizienz, Dynamik und Qualifikation begleitet wird. Gymnasiasten, das sind auf einmal nicht mehr die Glücklichen, die von allen am längsten in den Genuss kommen, mittags schon um zwei zu Hause zu sein – es sind die geschundenen Opfer nicht enden wollender Terrorschultage, denen vom Fußballverein über Muttis mit Liebe zubereitetem Mittagessen bis hin gar zur gesamten Jugend alles genommen wurde, was das Leben schön macht. Aber auch ohne all das Pathos und die dramatischen Worte, die immer wieder über diese Schulreform zu hören und lesen waren, kann man eines festhalten: In diesem Jahr startet erstmals eine Generation Schüler in das Berufsleben, der eine Leistungsmentalität in die Schultüte gepackt wurde, wie sie keinem Jahrgang der letzten Dekaden aufgehalst wurde: Die Zeiten sind schwer und unsicher, die fleißigen Chinesen ziehen mit dampfenden Maschinen an uns vorbei und alles was uns jetzt noch davor bewahren kann, dass uns auch noch die bildungspolitisch so großartigen Skandinavier die Nase lang machen seid ihr, die zukünftige Elite unseres Landes. Das bedeutet im Klartext: Juniorstudium ab der Oberstufe, drei Fremdsprachen fließend und, wenn es geht, zwischendurch noch ein Jahr ins Ausland. Aber es ist mehr noch als die Beschleunigung des Schullebens und damit der Jugend dieser jungen Menschen – es ist eine weitere Erscheinungsform der Leistungsgesellschaft, die immer zwanghafter Effizienz und Wachstum nacheifert. Die vorherrschende Wirtschaftskrise, selbst das Resultat eines durch Profitgier und Überspekulation kollabierten Finanzmarktes, kennt scheinbar nur eine Antwort auf das Schreckgespenst Rezession: Wie kriegen wir den Wirtschaftsmotor wieder in Gang? Wie treiben wir die Umsatzzahlen wieder hoch, so hoch wie vorher, höher noch. Schlussendlich dreht sich alles um die eine Frage: Wie bleiben wir, was wir sind oder zumindest gerne wären – am reichsten, am effizientesten, am qualifiziertesten?

Allabendlich bleckt in Nachrichtensendungen das Krisenungetüm in Form beunruhigend abfallender Kurven auf Wirtschaftsdiagrammen die Zähne des Zerfalls. Doch nicht auf allen Diagrammen bedeutet Talfahrt Depression: Das Umweltbundesamt, das auf der Zugspitze alle fünf Minuten die Luft auf ihre Zusätze untersucht, legt abfallende CO²-Intensitäten vor – erstmals seit Jahrzehnten wird die Luft wieder sauberer. Während die Bänder bei Opel still stehen und die Schlote nicht rauchen, entspannt sich der zwar vielbeschworene, aber wenigbekämpfte Treibhauseffekt. Und es zeigt sich: Während wir glauben gemacht werden, dass die Welt untergeht, verlängert sie in Wahrheit ihre Frist bis zum Kollaps – zumindest aus einem ökologischen Blickwinkel heraus. Und plötzlich drängt sich eine simple, aber ungeheuerliche Frage auf: Geht es auch ohne Wachstum und Beschleunigung?

Können wir auch glücklich sein, ohne dass wir die tollsten Zahlen vorlegen, die meisten Autos vor der Garage haben, ohne dass wir schon mit 20 topausgebildete Fachkräfte mit zwei Auslandssemestern und Vordiplom sind? Die sogenannte Glücksforschung beschäftigt sich seit langem unter wissenschaftlich-analytischen Gesichtspunkten mit der Frage, was den Menschen glücklich macht. Vertraut man auf die Durchhalteparolen der Wirtschaftsminister und Ökonomen dieses Landes, gibt es nur eine Antwort: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Das bedeutet in der Praxis: Mehr Autos, mehr Fernseher, mehr Konsum für die Deutschen und die wenigen anderen Profiteure der immer noch extrem unausgeglichenen Wohlstandsverteilung dieser Welt. Doch genau dem widersprechen die Ergebnisse der Glücksforscher, die nach weltweit übereinstimmenden Studien als Gewissheit angesehen werden: Materielle Sättigung ist nur dann glücksfördernd, wenn es am Nötigsten mangelt – das zweite Auto hingegen ist nicht mehr annähernd so fröhlich stimmend wie das erste. Das hat dazu geführt, dass die Wirtschaftswunderjahre, die den Deutschen die ersten Fahrzeuge und Fernseher bescherten, die Zufriedenheit in der Bevölkerung deutlich in die Höhe schnellen ließen. Die Verdreifachung des Bruttoinlandsproduktes in den letzten dreißig Jahren hingegen, mit der verglichen die Wirtschaftswunderjahre der sechziger ein kurzer Aufwind waren, hat sich nicht zuträglich in der statistischen Zufriedenheit niedergeschlagen. Das kapitalistische Credo vom totalen Glück durch die totale Maximierung, das unser Denken bestimmt und unter anderem dazu führte, dass die eine Hälfte der hier anwesenden Ex-Schüler in den letzten Jahren noch weniger freie Nachmittage hatte als die andere Hälfte, weil alles, so auch die Schule, immer schneller und besser werden musste, ist zumindest aus menschlich-emotionaler Sicht widerlegt. Der diesem Denken zugrunde liegende Neoliberalismus wurde in den achtziger Jahren von US-Präsident Reagan und der britischen Premierministerin Thatcher als Antwort auf die stagnierende Wirtschaftsentwicklung vorangetrieben und stellte eine radikale Absage an den vermeintlich ruinösen und untragbaren Sozialstaat dar: Die Gesellschaft ist dem Markt untergeordnet, dieser wird sich selbst regulieren und für alles Nötige sorgen – aber er darf dabei nicht gestört werden und verträgt keine sentimentalen Zügel ethischer und politischer Vorbehalte. Diese Philosophie hat die Wirtschaftslehrbücher längst verlassen und die Gesellschaft durchwirkt, die in den Zeiten der Krise stärker denn je an der Realisierbarkeit des sozialen Gedankens zweifelt und auf die vielgepriesene Fruchtbarkeit des marktwirtschaftlichen Treibens hofft – der Rest wird sich schon regeln, wenn erst einmal alle Mäuler gestopft sind, so glauben viele. Und mit G8 wird das Neoliberale an diesem Tag auch im kleinen Saarland für jeden deutlich sicht- und spürbar.

Doch wir brauchen keine abstrakten Konjunktur- und Verschmutzungsdiagramme, um zu sehen, wie der neoliberale Geist unser gesellschaftliches Denken und Werten bestimmt: Wenn Dieter Bohlen, der so wahnsinnig reiche und erfolgreiche Poptitan, sein zahnpastawerbungsbleiches Gebiss in die Kamera hält, dann geht es immer nur um eines: Wer ist der Beste? Wer hält am meisten aus – physisch und psychisch, wie die Schikanierung der Kandidaten deutlich macht? Wer kann möglichst alle in einem Betätigungsfeld relevanten Fähigkeiten auf einmal zum Einsatz bringen? Das knallharte Vorstellungsgespräch wird zur Samstagsabendssensation. Es ist die Unterwanderung der Gesellschaft mit dem immer selben Motiv: Du bist nur etwas, wenn du etwas kannst – unabhängig davon, ob das Geleistete einen tieferen Sinn oder Nutzen hat oder, wie hier, einzig und allein möglichst großem kommerziellem Ertrag dient. Musik wird im Wesentlichen nur dann großflächig verbreitet, wenn sie massentauglich und systemunkritisch ist – alles andere findet kaum Gehör. Manager und Fachkräfte sind schon mit 40 vollkommen ausgebrannt, weil sie sich ihrer Karriere mit Haut und Haar verschrieben und von dieser dann ausgesaugt wurden – plötzlich folgen auf Ehrgeiz und Dynamik Depressionen und Kraftlosigkeit. Beinahe schon ironisch, dass ausgerechnet in unserem avantgardistischen „Power-Jahrgang“ Thomas Manns „Buddenbrooks“ gelesen wurden, die von einer Kaufmannsfamilie handeln, die an ihrer Expansions- und Prestigegier langsam erstickt ist. Körperlich wird der junggebliebene, sportliche und leistungsbereite Mensch vorgelebt, der neben Familie, Job und Freunden natürlich auch etwas für den gesunden und belastbaren Körper tut – denn das Alte und Kranke, das so sorgfältig aus der medialen Dauerbestrahlung zwischen Topmodels und Schönheits-OPs verbannt wird, ist dem großen Leistungsappart Deutschland ein Stachel im Fleisch. Und auch die Schule zieht nach, das humanistisch-künstlerische wird als Spielerei belächelt, während Förderungsangebote im wirtschaftlich-technischen Bereich wie Pilze aus dem Boden schießen und nur die eine Botschaft propagieren: Verschwende keinen Tag, sondern gib alles, was deiner Karriere förderlich ist. Es ist das pervertierte Carpe diem der Gegenwart. Lebensläufe spiegeln keine Menschen mehr wider, sie sind Masken, an denen, so wörtlich, „gearbeitet“ wird, um sich so vorteilhaft und karrieristisch engagiert wie möglich zu inszenieren – übrig bleibt kein Mensch, sondern eine Maschine.

Wie kann unsere Gesellschaft umgestaltet werden, weg von Prinzipien, nach denen das Ehrenamtliche, Soziale und Häusliche, das in einer Arbeitsgesellschaft, wie Soziologen die unsere nennen, eher als nebensächlich und unbedeutend abgetan wird? Fakt ist, dass Wachstum für Unternehmen lebensnotwendig ist, da sonst die vor der Produktion anfallenden Kreditschulden nach dem Absatz der Produkte nicht mehr beglichen werden können. In diesem System sind wir zum Wachsen verdammt. Doch während die breite Masse der Ökonomen nur noch überlegt, wie diese labile Ordnung am Leben erhalten werden kann, gibt es auch Umdenker, denen andere Modelle, etwa über ein anderes Währungssystem, vorschweben, in denen wir nicht mehr zum grenzenlosen Wachsen genötigt sind – in denen produziert wird, was tatsächlich gebraucht wird, und in denen auch menschliche und vor allem ökologische Faktoren eine Rolle spielen. Denn was bringt es uns, wenn bald jeder Inder und Chinese ein deutsches Auto fährt, aber niemand mehr ohne Atemschutzmaske vor die Türe treten kann?
Dieser Vortrag an einem Abend, der uns den Zugang zu Karriere und Arbeitswelt ermöglicht, soll den Blick für Folgendes schärfen: Wohin streben wir, die wir nun aufbrechen, mit unserer Kraft? Immer wieder sah ich in den letzten Monaten auf den Schulgängen eifrige Lebensplaner, die mit dem Taschenrechner schon mal ausloteten, wie viele tausend Euro mehr sie beim großen Kassensturz am Ende ihres Arbeitslebens vorweisen können, wenn sie diesen oder jenen Schritt durch großen Ehrgeiz überspringen oder hier und da noch ein Weiterbildungszeugnis mehr einstreichen. Aber eben diese Mentalität ist es, die krank macht – sie macht unseren Planeten krank, dessen Tod unter der derzeitigen, profitbesessenen Umweltpolitik der Weltgemeinschaft als beschlossene Sache angesehen werden kann. Sie macht diese Gesellschaft krank, die ohne Rücksicht auf den leistungsunabhängigen Wert des Individuums Erfolgsneurotiker heranzüchtet und die Trennung der Spreu vom Weizen in den Medien täglich zelebriert. Und zu guter Letzt macht sie den Menschen krank, der das Gespür für die schönen Dinge des Lebens und vor allem die eigenen physischen und psychischen Bedürfnisse verliert. Er kämpft panisch an gegen das sich abzeichnende Versagen dieser Ordnung und damit der eigenen Lebensphilosophie, die sich nur noch über Erfolge und Bilanzen definieren kann.

Versuchskaninchen, das kann den Prototypen der ultimativen Arbeits- und Leistungskraft bedeuten, so wie es die G8-Initiatoren und all die Förderer und Forderer um uns durch den uns bereiteten Weg anstreben. Das Kaninchen kann aber auch versuchen, für einen jungen, gut ausgebildeten und kritischen Menschen zu stehen, der als Mahnung zu Beginn seiner beruflichen Aktivität eine kranke Gesellschaft, einen sterbenden Planeten und ein wankendes System vorfindet, das die Grenzenlosigkeit des Wachstums voraussetzt und nun an die Grenzen der Erschöpfung im Kleinen wie Großen stößt. Hieraus gilt es, am Ausgangspunkt der beruflichen Wegfindung die richtigen Schlüsse ziehen – für sich persönlich und unser aller Lebensumfeld. Ich will niemandem seine Ziele und Pläne madig machen, aber es gibt keinen besseren Zeitpunkt, um uns in Erinnerung zu rufen, was möglich ist, wenn wir nicht einfach in den Trott, in dem sich fast unsere gesamte Hemisphäre derzeit befindet, blindlings einsteigen – die für viele schwierige G8-Zeit sollte ein erster, bitterer Vorgeschmack dessen gewesen sein, worauf es sonst nämlich nur noch ankommt. Und vielleicht schaffen wir es dann, dass in einigen Jahren nicht mehr der Neoliberalismus, sondern der Neohumanismus das Denken und Handeln bestimmt, da dieser sich um des Menschen Glück und nicht um den goldenen Käfig, den er sich gebaut hat, dreht.
Kommentare
  • ehemaliger User

    am 15.07.2009 um 13:32 Uhr 

    bemerkenswert! gefällt mir.

  • am 21.06.2010 um 22:59 Uhr 

    Gerade mal wieder gelesen. Und wieder beeindruckt.

  • ehemaliger User

    am 21.06.2010 um 23:01 Uhr 

    ebenfalls;)

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