Wer in Deutschland fern sieht, braucht schon ein starkes Nervenkostüm. Längst sind es nicht mehr die ach so verteufelten täglichen Talk- oder Gerichtsshows, Klingelton-Werbespots, dubiose Telefongewinnspiele oder Kartenlegerinnen, denen man zu Hause nicht mal ein Glas Leitungswasser anbieten würde, aus Angst, sie würden einem die Wohnung plündern. Nein, die wahren Misthaufen der deutschen Fernsehlandschaft tarnen sich in Programmzeitschriften zu gerne als "Doku-Soaps". Was unter dem tollen Begriff "Infotainment" serviert wird, entpuppt sich schnell als Unterschichtenfernsehen der feinsten Sorte. Da wird nicht nur ausgewandert – nein, es werden Babys zur Welt gebracht, Schulden beglichen, Restaurants getestet, Bauern mit den dicksten Kartoffeln an Frauen vermittelt oder ganze Häuser renoviert.
Großbaustelle: Mensch
Aber Fernsehdeutschland will befriedigt werden und so scheint es kaum verwunderlich, dass sich die kreativen Produzenten der Republik stets etwas Neues einfallen lassen... müssen. Der neueste Trend scheint auch schon gefunden und so heißt die nächste Baustelle der TV-Lebenshilfe: Schönheits-Operation. Klar, schließlich plaudern doch genügend Prominente völlig offen darüber, dass sie an sich rumschnippeln haben lassen. Dennoch sitzt der geneigte Fernsehzuschauer dann fast schon desillusioniert vor der Mattscheibe und zeigt sich schockiert. Denn die Schönheits-OP ist immer noch für einen Aufreger gut, schließlich handelt es sich dabei um ein Thema, das an die Emotionen und die Werte appelliert. Schön extrem, schön kontrovers – genau der richtige Stoff für einen Sender wie RTL2. So wird das am heutigen Dienstag startende Format mit dem aufrüttelnden Titel "Extrem schön! – Endlich ein neues Leben" seinen Platz zwischen "Frauentausch", "Heirate mich!" und "Freunde und Helfer!" einnehmen.
Nun schafft RTL2 also endlich ein Umfeld für all diejenigen, die sich längst nicht mehr nur mit der Neugestaltung der Wohnung begnügen – auch wenn bei "Extrem schön!" ebenfalls gebohrt und gewerkelt wird, bis die noch so kleine Restfalte im Gesicht um Gnade winselt.
Die erste Folge erzählt unter anderem die Geschichte der 38-jährigen Babsi, die sich "selbst fremd geworden" ist, heißt es in der Presseinformation des Senders. Völlig verzweifelt steht sie da und sieht ihren deformierten Körper lediglich als Hülle an, in der sie leben muss. Doch da hilft RTL2! Der Sender, der nach dem bekannten "Stromberg"-Prinzip handelt, denn die Menschlichkeit steht klar im Vordergrund bei dieser Art der Lebenshilfe. Ohne die Sendung vorab gesehen zu haben, werden die Macher von "Extrem schön!" das Leiden der Kandidaten mit Sicherheit genügend würdigen, um auch dem letzten Zuschauer des Programms deutlich zu machen, dass es sich hier wirklich um eine Hilfe handeln und nicht etwa, um das Fernsehen Gott spielen zu lassen.
Jemand zweifelt noch an den guten Taten von RTL2? Auch für den noch so gewieften und cleveren Zapping-Zombie, der möglicherweise noch von "Big Brother" hängen geblieben ist, halten die Macher etwas in der Hinterhand und rufen das Kompetenzteam der besten Ärzte, Psychologen, Fitnesstrainer und Ernährungsberater Deutschlands auf den Plan. Diese Götzenbilder ihrer Zunft begleiten die Show-Teilnehmer durch "acht Wochen Entbehrungen, Schmerzen und Kampf", so der Sender.
Schönheits-OPs im Fernsehen – nicht ganz neu...
Doch nehmen wir RTL2 in Schutz; vor ihm haben schon andere versucht, mit dem emotionalen Thema Schönheits-OP Quote zu machen. Erinnert sich noch wer an Verona Feldbusch? Sehr richtig, die quirlige Spinat-Quasselstrippe, die heute den Namen Pooth trägt und deren Nase vor geraumer Zeit auch noch ein wenig anders aussah. Eben diese Verona präsentierte 2004 auf ProSieben "The Swan – Endlich schön!". Das Konzept: Aus einem hässlichen Entlein einen schönen Schwan zaubern – mit allen Mitteln. Das Original stammt natürlich aus Amerika. Dort sind Schönheitsoperationen ja auch so alltäglich wie hierzulande das Müsli zum Frühstück. Doch in Deutschland geriet das Format schnell in die Kritik, noch im gleichen Jahr der Ausstrahlung wurde die Initiative "Koalition gegen den Schönheitswahn" der Bundesärztekammer ins Leben gerufen. Diese stellte Sendungen wie "The Swan" an den Pranger und plädierte für eine verantwortungsbewusstere Darstellung der schönheitschirurgischen Eingriffe, die dann auch noch von Kameras begleitet werden müssen.
Ganz klar: Die Macher von "The Swan" haben hier in Deutschland einen großen Fehler begangen. Sie haben bei den Erzählungen der einzelnen Geschichten der Kandidaten offensichtlich nicht genügend auf die Tränendrüse gedrückt, hatten kein Kompetenzteam, dass glaubhaft machen soll, dass die Eingriffe wirklich von Notwendigkeit sind. Hier hat RTL2 seine Hausaufgaben gemacht – ein Fleißsternchen ins große Buch der Fernsehgeschichte.
- Links zum Thema
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- "Nach Kilos oder Umfang – Billigflieger Ryanair plant Steuer für Dicke"
- "Dünne Menschen besser fürs Klima, Dicke tragen Schuld am Klimawandel"
- Das war "The Swan" mit Verona
- Auch das Fernsehlexikon kennt den Schwan noch...
- "Extrem schön!" auf den Seiten von RTL2
- "Terror-Charts: Ärsche, Doktorspiele und mutierte Klingelton-Kreaturen"
- Brigitte Nielsen in der "Promi-Beauty-Klinik"
- Schönheits-OP-Shows im TV: Plastische Chirurgen geben Tipps für Patienten
- Die Bundesärztekammer informiert über die "Koalition gegen den Schönheitswahn"
"Schöne Menschen haben es besser"
Doch nicht nur Menschen von nebenan lassen öffentlich das Messer an sich ansetzen. Prominentestes Beispiel für chirurgische Eingriffe im Scheinwerferlicht ist die abgehalfterte Brigitte Nielsen. Sie gewährte für RTL in der "Promi-Beauty-Klinik" tiefe Einblicke und der voyeuristisch veranlagte Zuschauer konnte "hautnah" dabei sein, wie sich die Nielsen ihren Balkon und die Fassade erneuern ließ. Auch hier hagelte es Kritik, doch unterscheidet sich die "Promi-Beauty-Klinik" in einem nicht zu verachtenden Detail von "Extrem schön!" – hier will ein dänischer B-Promi an sich rumschneiden lassen, um wieder jünger und attraktiver zu wirken. Vermutlich kassierte Brigitte Nielsen auch noch eine Menge Geld für ihre Eingriffe. Wer würde darauf schon verzichten? In der neuen RTL2-Sendung hingegen geht es um Menschen, die – das ist gar nicht anzuzweifeln – unzufrieden mit sich und ihrem Aussehen sind. Anders als die Nielsen sehen sie in dieser Sendung vielleicht sogar ihre letzte Chance und werfen dafür auch ihre Bedenken und möglicherweise sogar ihre Prinzipien schnell über Bord.
Fest steht, dass Schönheits-OP-Shows nach wie vor einen faden Beigeschmack besitzen. Operative Eingriffe werden verharmlost und zielen hauptsächlich darauf ab, ein Stück vom Quotenkuchen einzuheimsen. Ärzte präsentieren sich vor einem Millionenpublikum, machen sich dadurch schlicht und ergreifend unseriös.
Der Preis für Schönheit ist wahrlich hart, doch was nimmt man nicht alles in Kauf, um "Extrem schön!" zu werden. Denn RTL2 weiß: "Schöne Menschen haben es besser: Schöne Babys bekommen mehr Zuwendung, schöne Erwachsene haben mehr Erfolg – im Beruf und im Privatleben". Und so scheint es nicht verwunderlich, wenn ich als Otto-Normal-Zuschauer zwischen diesen Zeilen lese: "Auch Ihr hässlichen Menschen vor der Glotze könntet schön werden! Aber macht Euch nichts draus, jetzt schnell noch ein paar Kartoffelchips einwerfen, damit ihr weiter unser hochwertiges 'Infotainment'-Programm verfolgen könnt." Eine reichlich armselige Ansicht von Attraktivität, der ein Facelifting ebenso gut zu Gesicht stehen würde.
"Extrem schön! – Endlich ein neues Leben" – jeden Dienstag, 20.15 Uhr bei RTL2.
Bei der Kolumne handelt es sich um die Meinung des Autors. Sie spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


















































verschwendet oder besser verschwenden/entbehren KANN und WILL ... nunja da sag ich nun mal nichts dazu
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